Baby? Familie? Und dann auch noch Kunst?

Es ist Babyboom Zeit in Deutschland, seit Jahrzehnten wurden nicht mehr so viele Kinder geboren wie derzeit. Und der Trend wächst. Vater Staat gibt sich sehr viel Mühe, der Mittelschicht das Kinderkriegen noch schmackhafter zu machen, neben dem Elterngeld gibt es einen rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz ab einem Jahr und Kindergeld. Elterngeld bekommt natürlich auch, wer nicht zu Mittelschicht gehört – allerdings so wenig, dass es weder für Miete und schon gar nicht zum Überleben reicht. Kinder sollen also die Menschen bekommen, die auf Teile ihres Lohns ohne Probleme verzichten können. Oder bei denen ein Teil des Elternpaares die Familie durchfüttern kann. Das gute alte klassische Modell eben.

Und wie lässt sich der Kinderwunsch mit dem freien Beruf als Künstler*in vereinbaren? Fazit nach 2,5 Jahren der Versuchsanordnung: Ohne viele Kompromisse und vor allem ohne ein Netzwerk an kinderliebenden Freunden und Familienmitgliedern: gar nicht!

Der finanzielle Aspekt

Ein Großteil der freien Künstler*innen sind nämlich kein Teil der gediegenen Mittelschicht, sondern leben mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 10.000 -15.000 Euro an der Armutsgrenze.  (Quelle)

Künstlerinnen, die in der KSK versichert sind, haben Anspruch auf Mutterschaftsgeld ab sechs Wochen vor der Geburt bis acht Wochen nach der Geburt. Frauen, deren Schwangerschaft problematisch verläuft, haben außerdem die Option auf Krankengeld. Und das ist sicherlich viel Wert.

Ohne KSK wird es da schon schwieriger. Elterngeld gibt es ab dem Tag der Geburt, vorher sind nicht-KSK Versicherte Kulturschaffende eventuell über ihre Krankenkasse abgesichert. Wer Elterngeld bezieht, darf keinen Cent dazu verdienen. Mit einem durchschnittlichen Gewinn pro Elternteil von 1000 Euro pro Monat im Jahr vor der Geburt des Kindes kommt man auf ein stolzes Elterngeld von 614 Euro im Monat pro Elternteil. Wenn beide Elternteile zusammen zuhause bleiben wollen, hat die Familie also ein Monatsgehalt von 1220 Euro. Nicht nur in Städten mit hohen Mieten: kaum machbar.

Wer später das ElterngeldPlus bezieht, dürfte, mit dem Einkommen aus dem voran gegangenen Beispiel, selbst nicht mehr als 500 Euro monatlich erwirtschaften und bekommt einen Zuschuss von 280 Euro. Verdient man ausversehen zu viel, zahlt man zurück.

Es ist also schlichtweg nicht leistbar, sich eine längere Auszeit zu nehmen, wenn man sowieso schon wenig verdient hat. Und die Projekte warten auch nicht.

Also, wieder schnell an die Arbeit?

Der strukturelle Aspekt

Einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz gibt es erst nach einem Jahr. Abgesehen davon, dass es mitunter schwierig sein kann, sein Baby schon unter dem ersten Lebensjahr abzugeben, ist es in vielen Städten auch eine Sache des Geldes, ob man sein Kind betreuen lassen kann. In Berlin und Düsseldorf ist es umsonst – in vielen anderen Städten nicht. Dort zahlen auch Menschen mit geringem Einkommen für einen Krippenplatz mit vierstündiger Betreuung am Tag 200 Euro pro Monat, zuzüglich Essensgeld. Trotz Zuschuss der Stadt. Und auch wenn man das Kind im ersten Jahr immer mit zur Arbeit nimmt bzw. Modelle innerhalb der Familie findet, in denen man abwechselnd arbeitet, ist in vielen Städten noch keine Garantie gegeben, dass man zum ersten Geburtstag vom Baby einen Platz bekommt. Das System ist überlastet.

Sicherlich hat die Freiberuflichkeit hier ihren größten Vorteil: Arbeitszeiten lassen sich einteilen, Betreuung lässt sich bei zwei freiberuflichen Partnern untereinander einteilen bzw. bei einem angestellten Partner auf dessen Arbeitszeiten anpassen. Es ist eine Frage der Organisation. In den Möglichkeiten Lösungen für die Betreuungsfrage zu schaffen, gibt die Freiberuflichkeit sicherlich kreative Ansätze her – wenn das soziale (Arbeits)Umfeld mitspielt.

Der soziale Aspekt

Ob das Berufsleben mit Kind(ern) als freiberufliche*r Künstler*in gelingt, wird maßgeblich von der Umgebung bestimmt, in der und mit der man arbeitet. Eltern gelten oft als unflexibel, nicht so schwer belastbar und vor allem kompliziert. Wenn diese Vorurteile am Beginn einer gemeinschaftlichen Arbeit im Raum stehen, kann es schwierig werden, zusammen zu kommen.

Besonders kleine Kinder geben ihren Eltern oft einen anderen Rhythmus vor, als der, der in der Kunstszene vorherrschend ist: man arbeitet vom späten Vormittag bis spät in die Nacht. Betreuungszeiten sowie die Bedürfnisse des Kindes verlangen nach einer Umstrukturierung des Tagesrythmus. Können Teammeetings mit Eltern vielleicht auch vor 15 Uhr stattfinden? Abendliche Besprechungen bei den Eltern zuhause? Proben vielleicht sogar von 9-15 Uhr? Kann man der Kunst gerecht werden, wenn sie zwischen 15:15 und 21 Uhr Pause macht und am Wochenende nicht im Vordergrund steht?

 Es gibt Wege, Familienstrukturen zu integrieren:

Kollektive Strukturen können kinderfreundliche Arbeit integrieren und Projektanträge können Betreuungskosten berücksichtigen. Selbstverständlich beruft diese Forderung auf ein empathisches Zusammensein von Eltern und ihren Kolleg*innen. Empathie bedeutet auch, dass Eltern Verständnis für Nicht-Eltern zeigen, die in einem anderen Rhythmus arbeiten und leben. Die Zusammenarbeit sollte ideal auf einer gemeinsamen Schnittmenge beruhen, in der man gemeinsam produktiv sein kann, ohne aber die anderen Faktoren, die diese gemeinsame Schnittmenge nicht teilen, als Hindernis zu empfinden. Kompromissbereitschaft scheint mir hier das richtige Wort. Und zwar nicht die Kompromisse, die schmerzen, sondern die, die einem das Arbeiten erleichtern können.

Und auch Arbeitgeber*innen in der Kunst -und Kulturszene können durch verschiedenste Angebote wie Kinderbetreuung, geregelte Arbeits –wie Probenzeiten (und ja, das MUSS auch am Theater möglich sein) und Jobgarantien nach der Babypause, Familien deutlich entgegen zu kommen.

Rufen diese Gedanken nach einem „spießbürgerlichen“ 9-5 Job? Nein, diese Gedanken rufen dazu auf, die (Arbeits)Umwelt kinderfreundlicher und für alle Menschen empathischer zu gestalten.

Niemandem in Deutschland wird es besonders einfach gemacht eine Familie zu gründen, wenn man in schlecht bezahlten und prekären Arbeitsverhältnissen steht. Und sicherlich steht dieses Land im Hinblick auf elternfreundliche Arbeit in vielen Branchen weit hinten an. Grund genug als Kunst- und Kulturschaffende die Möglichkeiten wahrzunehmen, dieses Arbeitsumfeld als familienfreundlich zu gestalten.

Familie, Freie Szene, Kinder, Kunst, Redaktion, Theater

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