Das Lied von Solidarität und Konjunktiv

Solidarität. Ein großes Wort.

Ein Wort das mir fast zum Halse raushängt.

Überall wird es gerade groß geschrieben dieses Wort. Dieses Über-Wort. Ja, ich möchte solidarisch sein. Und ja, ich probiere mich immer wieder daran. Aber hier ist das Problem. Möchte, probiere, könnte, hätte, müsste. Die Solidarität befindet sich im Konjunktiv. Denn hier geht es um Existenzen. Um das reale Leben.

Wir scheitern am Konjunktiv. Weil auch in der Kunstwelt der Kapitalismus längst zuhause ist. Ah, jetzt hab ich auch noch das große böse K-Wort benutzt. Sagen wir so. Vor kurzem hörte ich die Aussage eines jungen Regisseurs, der sagte, dass er sich als Unternehmer sieht. Ok, wenn wir alle Unternehmer sind. Einzelunternehmer genauer gesagt. Ist Solidarität dann nicht geschäftsschädigend? Und wenn das so ist, finden wir dann genug Unternehmer für einen „Streik“. Es heißt immer Künstler*innen können nicht streiken, weil es niemand bemerken würde.

Aber stellen wir uns kurz vor, wir würden streiken. Und plötzlich wäre die Welt grau, kalt und traurig. Und die Menschen würden weinen und nach der Kunst betteln. Im jeden Preis.

“Wer sich solidarisch verhält, nimmt im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, im langfristigen Eigeninteresse Nachteile in Kauf.”

Jürgen Habermaß

Oder wir denken realistisch. Und stellen uns vor, die renommierten Kunstfestivals schreiben Jobs für Praktikant*innen und Assistent*innen aus. Diese Jobs werden beworben mit „tolle Erfahrung im tollen Team“ wodurch das viel zu geringe Honorar gerechtfertigt werden soll. Stellen wir uns also vor, dass sich niemand darauf melden würde Niemand. Einfach Niemand. Nicht eine Bewerbung würde eingehen. Und stellen wir uns auch vor, dass die zum Festival eingeladenen en Künstler*innen sich nicht im Preis drücken lassen würden. Alle nicht.

Stellen wir uns mal vor, wie so ein Festival aussehen könnte. Es gäbe vielleicht weniger Programm, aber dann bräuchte es auch weniger Mitarbeiter, die dann besser bezahlt werden könnten. Weder künstlerische, noch technische, noch Produktionsleitung müsste überarbeitet sein. Es könnte eine Atmosphäre der Ruhe entstehen, die sich auch auf die Künstler*innen und die Zuschauerschaft übertragen würde. Im Rausch der Kunst könnten sich alle Einzelunternehmer an den Händen fassen und unter freiem Himmel einen Reigen tanzen. Frei von Druck und finanziellen Sorgen.

 

Ach verdammt.

 

Wir befinden uns im Konjunktiv.

Meinung, Redaktion

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