Die Phase der Verliebtheit ist vorbei

Ich weiß gar nicht warum ich mit der Kunst angefangen habe und wie ich damit weitermachen soll und kann. Ich bin mir auch gar nicht sicher ob meine Arbeit überhaupt irgendetwas mit Kunst zu tun hat.

Ein Text von Lara Bechauf-Nguyen


Irgendwann wollte ich mal Psychologie studieren oder, wenn das nicht klappt, irgendwas im kulturellen Bereich. Am Ende bin ich in der Theaterwissenschaft gelandet, habe meinen Abschluss gemacht. Die Bildung war gut, aber die Ausbildung hat mir gefehlt. Um etwas mehr Handwerkzeug zu lernen bin ich dann an die Fachhochschule gegangen und habe Exhibitiondesign studiert. Da war wenig Bildung, aber zumindest etwas Ausbildung. Was mich sowohl an der Arbeit im Theater als auch an der Arbeit in Museen reizte ist das Unvermittelte, das im Augenblick sein, sowie das räumlich Simultane. Mich interessiert, was eine künstlich geschaffene Umgebung bei den Menschen auslöst und welche neuen
Erfahrungsräume eröffnet werden können. Räume zu gestalten und Objekte zu kreieren, die den Raum verändern und sich selbst diesen gewandelten Orten hinzugeben, ist das, was mich antreibt.

Bei Arbeit und Liebe kommt mir gleich mehreres in den Sinn. Zum eine natürlich der Blick auf die Liebe in Bezug zu dem was ich tue. Der Blick auf die Eigenliebe in Bezug dazu wie ich das tue was ich tue und der Blick auf die Liebe zu meiner Familie in Bezug darauf wie viel Zeit ich für das gebe, was ich tue.

Die Liebe zu meiner Familie ist bedingungslos, bei der Liebe zur Kunst bin ich mir nicht mehr sicher.

Nach meinem Bachelor habe ich meinen Sohn bekommen. Durch ihn hat sich meine Arbeitsweise definitiv verändert. Ich muss strukturierter und fokussierter sein, um zu einem Ergebnis zu kommen. Im Alltag ist immer die Zeit im Hinterkopf, wodurch ein kreativer Prozess häufig unterbrochen, wenn nicht sogar von vornherein verhindert wird. Die Kunst ist nicht mehr leicht, unbeschwert und spontan, sondern wird rationiert. Jeden Tag ein bisschen. Die manischen Schaffensphasen und die darauffolgende Euphorie, gefolgt von Niedergeschlagenheit sind nicht mehr tragbar. Zumindest nicht in dem Ausmaß.

Das hat auch sein Gutes, denn auch das ist anstrengend, aber ein Teil der Leidenschaft wird unterdrückt. Dazu kommt der nach erfolgreich beendetem Studium aufkeimende Drang, von dem, was ich gelernt habe, meinen und den Unterhalt meiner Familie mitfinanzieren zu können. Ich habe das Glück, dass mein Mann verdient. Fühle mich aber nicht wohl damit. Nicht wegen der Abhängigkeit von ihm, zumindest nicht primär, sondern weil wir uns beide mehr Gleichverteilung der Zeit wünschen, die wir mit arbeiten oder mit unserem Sohn verbringen können. Die Liebe zu meiner Familie ist bedingungslos, bei der Liebe zur Kunst bin ich mir nicht mehr sicher.

Die Phase des unbeschwerten Verliebtseins ist jedenfalls vorbei. Jetzt muss sich zeigen, wie viel ich bereit bin für die Kunst zu geben und wie
viel sie mir zurückgibt. Manchmal habe ich Angst, dass wir uns trennen.

In wieweit bin ich bereit meine Kunst zu kommerzialisieren und anzupassen?

Zur Zeit arbeite ich daran, die Liebe zur Kunst aufrecht zu erhalten, indem ich versuche mir meine eigene Arbeitsumgebung zu schaffen, in welcher ich die Lust am künstlerischen Arbeiten mit der Notwendigkeit des Geldverdienens verbinden möchte. Neben dem sowieso schon heiklem Spannungsfeld zwischen Kunst und der Zeit für die Familie, drängen sich auch finanzielle Überlegungen in den Vordergrund.

In wieweit bin ich bereit meine Kunst zu kommerzialisieren und anzupassen? An Kundenwünsche, aktuelle Thematiken und Praktiken? An die Arbeitsweise potenzieller Partner? Für was oder wie viel ist es mir Wert meine Zeit herzugeben? Geht bei all den Bedingungen, die von Außen auf mich selbst und an die Arbeit gestellt werden die eigentliche Kunst nicht sowieso schon per se verloren? Muss ich doch zwei Pfeiler in meinem Leben aufmachen. Einen für die Arbeit, einen für die Kunst? Wie viel Zeit bleibt mir dann noch für die Kunst?

Erst kürzlich habe ich in einem Gespräch mit einer Kulturförderstelle das stigmatische Bild der Künstler*in vor Augen geführt bekommen. Es wird erwartet, dass du die Kunst aus einem inneren Antrieb heraus machst. Der eigene Anreiz ist das Werk an sich. Die Zeit, die du dafür gibst wird nicht gefördert, nur die Präsentation des Outputs. Es ist nur interessant, was verwertet werden kann. Wie du dorthin kommst? Egal. Es gibt auch Förderer, die anders denken. Welche, die Wissen, dass Zeit und Muße für kreatives schaffen verloren gehen, wenn man noch andere Verpflichtungen hat, wie beispielsweise eine Familie zu ernähren und dass man auf dauer herzlich wenig davon hat, wenn der Output nicht finanzieller, sondern rein kultureller Natur ist. Denn dann ist es ganz schnell vorbei mit der lieben Kunst. Trotzdem herrscht noch das Bild vor, dass Künstler*innen gar nicht anders können. Dass Sie ihr Inneres dazu zwingt Arbeiten zu produzieren. Selbst, wenn Sie und ihre Geliebten darunter Leiden müssen. Idealismus gegen Materialismus.

Vielleicht ist dieses Bild immer noch zutreffend, aber ich mag es nicht mehr. Nicht für mich. Ich möchte das machen worin ich gut bin, wo ich mich mit der Welt und meiner Umgebung auseinander setzen und Neues erschaffen kann. Ich möchte davon leben können und meine Familie unterstützen. Wahrscheinlich ist das utopisch und ich weiß noch nicht wie ich dorthin komme. Vielleicht muss ich mich auch einfach zumindest von dem Begriff „Kunst“ trennen.

Dann mache ich eben keine Kunst mehr sondern Gestaltung. Denn für die wird man bezahlt. Zumindest war das mal so.

Gastbeitrag

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