Stadttheater ist krass!

Ein Statement zur Arbeitsmoral.

Am Beispiel einer Assistentin am Stadttheater …

… diese drei Punkte stehen für einen Zwiespalt der schon in meinem Kopf herrschte, bevor ich das erste Wort dieses Artikels geschrieben habe. Am Stadttheater, ja welches der ganzen Stadttheater? Das interessiert sicherlich – sag ich jetzt aber nicht, weil ich mir nicht die eigenen Jobchancen versauen möchte. Also versuche ich hier aufzuklären ohne zu jammern, etwas zu verändern ohne selbst alles zu verlieren und trotzdem klar zu machen: So geht es nicht und anfangen können wir bei unserer eigenen idealisierten Arbeitsmoral!

Der Profilierungswettstreit, wer die krasseste „Arbeitsmoral“ hat, ist ein allgegenwärtiges Spiel unter denjenigen, die von allem am wenigsten bekommen: Lohn, Wertschätzung und Anerkennung. Assistent*innen, Praktikant*innen und Hospitant*innen stoßen nach der Probe auf ihren 12 Stunden Arbeitstag mit dem abendlichen Glas Wein an und lächeln den Schauspieler*innen süffisant zu, die schon seit einer Stunde in der Stammkneipe hocken. Um 22 Uhr ist die Probe zu Ende. Jeden Abend. Also der Tag endet nie vor 22 Uhr. Für die Assis mit Anhang tendenziell später: Die Probebühne muss aufgeräumt und für die Probe am nächsten Morgen vorbereitet werden. Regieassistent*innen spülen die Kaffeebecher und der*die Ausstattungsassistent*innen ziehen die, dem Exhibitionismus weichenden und verschwitzen Unterhosen aus den Ritzen des Bühnenbildes, damit morgen das gleiche Spiel nochmal beginnen kann.

Aber jetzt sitzen wir hier mit unserem dritten Glas Wein in der einen Hand und der vierundfünfzigsten Zigarette in der anderen und wir prosten uns zu. Wie viel krasser wir sind. Wir sind die ersten die da sind und die letzten die gehen, wir sind die, die nie Pause machen, die im Gehen essen, während des Kopierens den Schlaf nachholen und diesen Monat nur drei Tage frei hatten. Und wir sind stolz darauf, wir prahlen damit und es gibt uns das wohlig warme Gefühl uns selbst nichts vorwerfen zu können. Wenn wir immer am Limit arbeiten, dann kann man uns nichts nachsagen, dann war man der*die beste Assistent*in überhaupt und man wird bei wirklich der aller, allerersten Gelegenheit gefragt werden, ob man selbst inszenieren oder ausstatten möchte. Und man wird dem Theater in ewiger Erinnerung bleiben, weil man alles gegeben hat und bei der Spielzeitplanung ganz oben auf der Liste steht für die Auswahl der Regisseur*innen und Ausstatter*innen. Ist doch klar. Warum wir das tun? Weil wir nichts Anderes haben. Oft fehlt uns Mut und Erfahrung, um einzufordern was nicht nur arbeitsrechtlich selbstverständlich sein sollte. Ist es aber nicht, NOCH nicht.

Das klingt jetzt zynisch, aber dieser Zynismus hilft gerade klar zu machen wie aberwitzig unsere eigene Einstellung ist. Du wirst kein besserer Regisseur*in oder eine bessere Ausstatterin*in, je krasser du dir während deiner Assistenz-Zeit den Arsch aufgerissen hast. Besinnen wir uns also wieder auf uns und unsere Kunst und fragen uns, was wir wirklich brauchen, um zu lernen und großartige Menschen zu werden, die herausragende und fordernde Kunst machen. Wenn wir selbst nicht dafür einstehen, dass unsere Arbeit einen von uns (auch individuell) definierbaren Wert hat und sich nicht in Ausbeutung ausdrückt, warum sollten es dann die Strukturen des Theaters tun?

Ein Geschenk an alle Theatermacher*innen: feiert euch, wie geil ihr seid, weil ihr zwei Stunden Pause gemacht habt, weil ihr samstags nicht arbeitet, weil ihr nein zur unbezahlten Hospitanz gesagt habt, weil ihr neun Stunden geschlafen habt, weil ihr euch Zeit genommen habt auf brillante Gedanken zu kommen, um die Kunst entstehen zu lassen, ihr Raum zu geben und sie zu hinterfragen, umzudenken und nochmal von vorne anfangen zu können.

Stadttheater ist krass. Und wir sind die krassen Männer *und Frauen die mit der geballten Stärke unseres Vertrauens in uns und unsere Arbeit zum Gegenschlag ausholen, um den 87% der Intendanten und 22% der Intendantinnen zu zeigen wo der Hammer hängt.

Meinung, Redaktion

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