Über die Selbstverwaltung von Kunstschaffenden

oder wie verwalten wir uns selbst?

Ein Text von Joscha Hendricksen

Was haben die Kunstschaffenden gemeinsam? Britta Peters, Kuratorin von Urbane Künste Ruhr, sagte in einem kürzlich erschienenen Interview: „Die freie Szene ist wichtig und auch der Zusammenschluss ist wichtig, um Forderungen durchzusetzen. Im Detail unterscheiden sich die Bedürfnisse und Ziele der einzelnen

Künstler* innen und Gruppen dann vermutlich doch auch erheblich. Da muss man ein bisschen gucken, dass nicht neue Normen entstehen, die einschränkend wirken, zum Beispiel die Norm kommunikativ sein zu müssen und kollektiv zu arbeiten. Das zu wollen/zu können ist einfach nicht für jede*n gleichermaßen gegeben, Raum für ein gewisses Eigenbrötlertum gehört für mich genauso zu den potentiellen Bedingungen einer künstlerischen Produktion dazu wie der gemeinsame Austausch.“

Wer will dem widersprechen? Warum sollten Normen entstehen für Kunstschaffende, haben sie doch den emphatischen Auftrag frei zu sein. Was sie nur sein können, wenn sie dafür bezahlt werden. Aber das wiederum betrifft ja alle und bedeutet somit nichts. Dass die Kunstschaffenden von Regeln nichts halten, von erzwungenen Solidaritäten, vermeintlich niedrig-schwelliger Pädagogisierung der Künste, Zugänglichkeit, Zusammenarbeit oder dem genauen Gegenteil, ist klar. Sie machen Kunst und das ist gut so. Diese Bestimmung der Kunst erzwingt folgerichtig eine Selbstorganisation der Kunstschaffenden als Religionsgemeinschaft. Weltlichen Zwecken dienen sie nicht.

„Gebt dem Kanzler, was dem Kurator gehört,“ rufen sie, halb besinnungslos, denn sie tanzen sich bereits in Rage, etablieren sich als Anti-Etablierte und verarmen als karottenverfolgende Prekaritäts-Esel mit immer genug Essen und Wohnraum, um doch kein Problem zu haben. Immerhin müssen wir Deutschen uns in der internationalen Staatenkonkurrenz durchsetzen und so bleibt nur den Pinsel fester zu greifen und um sich schlagen. „Nein – das stimmt doch nicht,“ sagt mein Freund da. „Ich erlebe Kunstschaffende als solidarisch und kooperativ. Es gibt immer mehr kollektive Strukturen.“ Eine Freundin ruft rein: „Und ansonsten muss halt erstmal der große Knall kommen. Den Leuten geht’s nicht schlecht genug, um sich solidarisch zu organisieren.“

Wofür auch? Für welchen Zweck? Mehr Geld für Kunst! Gemeinsam gegen rechts! Zusammen sind wir mehr! Es würde ja nur Sinn machen, wenn die Künstler*innen sich selbst organisierten, wenn die dadurch entstehende Institution auch was zu erzählen hätte, was über ein Bekenntnis zum radikal-liberalen „wer arbeiten kann, der soll auch arbeiten dürfen – trotz Haut, trotz Sex, trotz nicht-von-hier“ hinausgeht.

Selbstorganisation der Kunstschaffenden ist erfahrungsgemäß nicht so einfach zu machen – abgesehen davon gibt es ja schon etliche Berufsverbände von Künstler*innen: da geht es dann um Honorare und Förderungen und so vieles mehr. Da sich die Künstler*innen häufig mit sich selbst beschäftigen, wäre es andererseits auch denkbar, dass sie sich nicht entlang der unvermittelten Arbeitszwänge, sondern entlang der vermittelten, institutionellen Zwänge organisieren. Zu der Frage: „Wieviel verdiene ich hier eigentlich?“ gesellt sich „Wer bestimmt eigentlich was Kunst ist und was nicht?“, zu „Wieviel Förderung steht zur Verfügung?“ „Warum wird Kunst nicht entlang ihrer spezifischen kommunikativen und kollektiven Beziehungsweisen organisiert?“ oder gar „Wer braucht die Herrschaft von Kurator*innen, Intendant*innen und Kreativ-Agenturen?“

Dies bringt uns zurück zum Eingangszitat: „Gewisses Eigenbrötlertum gehört genauso zu den potentiellen Bedingungen einer künstlerischen Produktion dazu wie der gemeinsame Austausch.“ Wer will dem widersprechen? Ich würde gerne etwas dazugeben: Künstler*innen, die sich ausschließlich bzw. vorwiegend bzw. gerne als konkurrierende Marktteilnehmer*innen begreifen, dies im Alltag, vor Juries, in Verfahren, in Kunst-Kontexten deutlich machen, brauchen sich nicht selbst organisieren: Für sie ist das Nest gemacht, in das sie zurück wollen. Solidarische Beziehungsweisen brauchen einen egalitären Blick – ja, hier ist Gleichmacherei gefragt, der zu Gerechtigkeitssinn führt, der Freiheit als soziale Abhängigkeit versteht (eine konkrete, hintergehbare selbstverständlich) – und somit ästhetische Urteilskraft als Ausdruck gesellschaftlicher Beziehungsweisen versteht. „Kollektivität ist nicht zweckfreie, wechselseitige Verinnerlichung, sondern Verbindung gemeinsamer Bedürfnisse. Kommunikation ist die Bereitschaft zum Gespräch nicht dessen Beherrschung,“ rufe ich in den Wald hinein, bevor ich mich auf meinen Bürostuhl setze und überlege, wie ich meine Miete bezahlen soll.

Zum Abschluss: Künstler*innen sind entweder Designer*innen, Sozio-Kybernetiker*innen oder Profis – dann können sie sich als „die Verhältnisse-Verbessernden“ organisieren. Oder sie sind Sensualist*innen, Analytiker*innen und Dilettantant*innen – dann können sie sich als „die Gesellschafts-Schaffenden“ organisieren. Und da alle beides verstehen, ist die Selbstorganisation von Künstler*innen als Gesellschaft TOP 1 auf der universalen Tagesordnung… Und was ist dann mit den Eigenbrötler*innen, die Selbstorganisation ablehnen? „Tja, wir werden halt nicht als Politische, sondern als Konsumierende gebraucht,“ sagt meine Freund*in und lächelt. „Und was ist jetzt mit Selbstverwaltung. Es sollte hier um Selbstverwaltung gehen, nicht Selbstorganisation,“ ruft eine Stimme auf dem Off.

P.S.: Ja. Es tut mir Leid. Selbstverwaltung – das erinnert mich an kommunale Selbstverwaltung. Ein wichtiges Thema. Ich hab das auch bei Wiki nachgeguckt. In den Fuer-Thesen des Netzwerk X heißt es: „Für mehr Unmittelbarkeit – Wir sind willens und kompetent, als Ansprechpartner für künstlerische, soziale und stadtplanerische Inhalte zu fungieren und über kulturpolitische Strategien und Ressourceneinteilung zu verhandeln.“ Ja, genau! Wir müssen uns also selbst organisieren und dann selbst verwalten und dann… Was dann? Ja dann kommt der entscheidende Twist: Wenn wir uns selbst beherrschen, dann können wir die äußere Herrschaft entkleiden und dann ziehen wir ihr Strapse an und tanzen mit ihr in den Milchozean.

 

Gastbeitrag

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