Zu Zeiten von Liebe, Wut und fehlenden Vorbildern!

Bei einem Vorsprechen wurde ich vom Krefelder Intendanten gefragt, weswegen ich denn so wütend sei. Ich war überrascht. Ich war peinlich berührt, dass das der Haupteindruck war, den ich hinterlassen hatte und ich fühlte mich ertappt.

Ein Gastbeitrag

Und ja, ich bin wütend, denn mein Job ist einer der schönsten der Welt und tatsächlich habe ich mehr Tränen aus Herzschmerz und Liebeskummer dafür vergossen als je aus Liebe zu einem Mann. Aus diesem Grund lebe ich derzeit in einer offenen Beziehung mit meiner großen Liebe Theater. Wie in den meisten leidenschaftlichen Beziehungen kann ein bisschen Abstand zwischendurch auch mal ganz gut tun, um den Blick für das Wesentliche zu bekommen.

Immer dieselben schönen Pferdchen

Und ja, Krefelder Intendant, ich bin wütend, weil ich überhaupt nicht mit dem Bewusstsein aufgewachsen bin, dass es ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen geben könnte. Im Gegenteil: In der Schulen waren wir Mädchen mind. genauso gut wie die Jungen, meist etwas fleißiger, aber genauso diskussionsfreudig und zu Hause hat meine Mutter als Krankenschwester das Brot nach Hause gebracht, die Dielen geschliffen und die Kaninchen geschlachtet. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich als Mädchen weniger wert sein könnte oder irgendetwas gerecht werden muss.

Ich kam in die Welt des Theaters und plötzlich waren all die Themen da: Ich bin zu dick, ich bin zu proper im Charakter, ich fordere zu viel, ich bin nicht die griechische Schönheit, eher die 40er Jahre Trümmerfrau. In der Ausbildung hatte ich das große Glück unter den Fittichen der Heidi Klum des Theaters zu lernen, die keinen Hehl daraus machte Mädchen zu sagen, dass sie 10kg abnehmen müssten, wenn sie Erfolg haben wollen und die bei begehrten Extra-Rollen oder Vorsprechen immer auf dieselben schönen Pferdchen setzte, egal ob es andere Absprachen oder Einwände gab.

Trotzdem habe ich ihr mein erstes Erst-Engagement zu verdanken. Der Intendant hatte mit ihr in der Schule Theater gespielt. Er auf der Bühne. Sie in der Regie. Nur wegen ihr war er Schauspieler geworden. Er hatte allerdings bei weitem nicht so große Erfolge zu verbuchen, wie sie als Regisseurin und Intendantin. Aber nun  endlich hatte er es ja dann doch zum Intendanten eines der kleinsten Stadttheater geschafft. Das war die Kerngeschichte meines Vorsprechens. Der Rest war so ein bisschen wie bei DSDS, wenn Dieter Bohlen gerade Fahrt aufgenommen hatte.

Ich hätte es wissen müssen, aber habe erst viel später realisiert, dass es nie um mich ging, sondern um seine stille Hoffnung, dass sie endlich einmal in sein Theater kommen würde und ihm sagen würde, wie toll er das alles gemacht hat.

Ich realisierte es als er nicht wusste, was er mit mir anfangen sollte. In das klassische Mädchenschema passte ich für seinen Kunstbegriff nicht rein. Ich merkte es, als er der Zeitung dieselbe tragische Love-Story erzählte wie bei meinem Vorsprechen und ich merkte es als ein besonders schwieriger Charakter im Ensemble aufgenommen und gepusht wurde, weil diese die Tochter des Rektors von jener Universität war an der „Heidi Klum“ tätigte und deswegen zu ihren Schützlingen zählte. Seine Hoffnung trotz Frau und drei Kinder noch einmal der Liebe seines Lebens oder viel mehr seiner Fessel seines Lebens zu begegnen ist grenzenlos und sein ewiger Antrieb. Es könnte eine Geschichte aus jenen 2€ Kitschromanen sein, die man am Kiosk kaufen kann, aber das Tragische daran ist: In dieser Geschichte spielt das Theater eine absolute Nebenrolle. Es ist Mittel zum Zweck die eigene Geschichte voranzutreiben und sich der Strukturen der Macht zu bedienen. Man kennt die Geschichten, man weiß darum, man sagt: take it or leave it, aber ich bin wütend, weil ich jede Menge Energie und Potenzial sehe, dass für persönliche Neurosen draufgeht, anstatt in Inszenierungen und gute Ideen.

Ich bin wütend, weil fast all die Frauen, die ich in der Arbeit gut fand und die mutig waren, das Handtuch geworfen haben, weil sie das System in die Knie gezwungen hat. Nie wollte ich Vorbilder haben, aber nach den ersten Jahren im Beruf habe ich mich nach einer Frau gesehnt, die vielleicht in etwa 10 Jahre älter wäre, mit der ich mich identifizieren könnte, die nicht unglücklich oder komplett irre wäre und die guten Herzens sagen könnte: „Ist nicht immer einfach, aber geht schon. Man muss einfach einen kühlen Kopf bewahren.“

Man sucht diese Frauen und findet sie sehr schwer. Ich sehnte mich nach Ihnen, um Gewissheit haben zu können, dass es nicht unmöglich ist mit diesem Beruf nicht unglücklich zu werden.

Ich habe Frauen auf der Bühne zusammenbrechen sehen, sodass sie von der Bühne getragen werden mussten und Männer im Alkohol ertrinken. Verschlafene Proben, bedenkliche Vorstellungen werden stillschweigend hingenommen. Kein Bedarf über den problematischen Zustand einer Schauspielerseele zu sprechen und jene Frau, die im Dezember keinen freien Tag hatte und täglich auf der Bühne stand, musste sich der Schwächlichkeit bezichten lassen. Ja, ich bin wütend über sowas.

Ich bin wütend für die ersten Wochen Sommerpause, in denen ich einfach nur im Bett lag und die Wand anstarrte, weil ich nach 7 Produktionen und 189 Vorstellungen nicht mehr konnte. Ich bin wütend auf mich, denn ich hätte zum Arzt gehen und mich krankschreiben lassen sollen.

Ich bin wütend  wegen der Vorsprechen, für die ich eine Hauptproben auf Knien rutschend umorganisieren musste oder 1000km Anfahrt in Kauf genommen hatte, um dann vor unvorbereiteten Menschen meine Rollenarbeit zu präsentieren, die ich zwischen Märchendoppelvorstellungen und Proben noch einstudiert hatte. Das war nicht der Großteil, 40% vielleicht, aber es war immer bei Männern. Ist so. Waren aber auch insgesamt immer verdammt wenig Frauen. Eine Handvoll Dramaturginnen und Assistentinnen.

Ich bin wütend, wenn sich mir jemand als mein möglicher zukünftiger Intendant vorstellt, der den Mund nicht aufmachen kann, weil er schlechte Zähne hat. Das spielt keine Rolle? Das ist oberflächlich? Es ist ein Zeichen von Charakterschwäche und schwache Persönlichkeiten, die im Theater Führungspositionen bekleiden, davon gibt es sehr viele. Sie schreien, sie sind infantil, sie sind anzüglich und meistens tragen sie nie für etwas Verantwortung, sondern finden immer einen anderen, der die Schuld hat. Sie begreifen nicht, dass die Schuldfrage zu gar nichts führt, sondern Verantwortung-übernehmen bedeutet lösungsorientiert zu denken, Entscheidungen zu fällen und für die Situation den optimalsten Handlungsweg zu finden.

Ich bin wütend, weil ich eine Riege von Führungskräften kennengelernt habe, die mit ihrer Situation immer wieder überfordert waren und komische Mechanismen entwickelt haben, um trotzdem damit leben zu können. Ich bin wütend, weil es im Theater keinen Anspruch auf qualifizierte Personalführung gibt und dass es nicht zum guten Ton gehört sich auf solchen Positionen weiterzubilden. Der gute Ton ist: „Ja, ich habe das ja nicht studiert Intendant zu sein!“ (Schauspieldirektor eines Staatstheaters) … sondern er hat es sich eben erarbeitet. Klasse! Gute Regiearbeiten qualifizieren trotzdem nicht unbedingt dazu ein komplexes Unternehmen zu leiten. Die Kernkompetenzen werden in anderen Bereich eingefordert und es ist vollkommen in Ordnung, dass man sich dafür auch noch mal ein bisschen Unterstützung holt und sich weiterbildet.

Ich bin wütend, weil von mir verlangt wird, dass ich mit Mindestlohn auskomme, dass ich schlucken muss, dass ich weniger Geld als meine Kollegen bekomme, dass ich 20 Vorsprechen mehr machen muss als mein Lebensgefährte, dass ich maximale Flexibilität mitbringe, überdurchschnittlich viel arbeite und Kritik unterlasse. Alles aus Liebe zum Theater.

Aber ich bin nicht blöd. Ich liebe Theater. Für mich ist es das Beste auf der Welt. Ich mache mit Liebe Theater, aber ich mache mich nicht aus Liebe abhängig. Ich bin nicht ohnmächtig und handlungsunfähig. Und ich bin mit meiner Wut und meiner Liebe ein Glück nicht alleine.

Gastbeitrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.